
© Patricia Koelle
Mauerblümchen
oder
Berliner Notiz III

Bis auf den Warnruf einer Amsel lag die Stille atemlos auf den frühlingsfeuchten Wiesen. Es ging kein Wind, am Himmel wartete Regen. Der Mann wagte kaum noch, sein Paddel in den Kanal zu tauchen, auf dem er sich seit Sonnenaufgang schon eine Stunde fortbewegt hatte, als sei das ein unbegreifliches Wunder. Das von ihm verursachte Plätschern war so behutsam wie möglich, ein Flüstern nur, wie eine schüchterne Frage. Als könne etwas zerbrechen, das gerade neu war und noch erschreckend empfindlich. Er spürte Blicke im Nacken, als hätten ihn die Brennnesseln am Ufer gestreift: Blicke, die mit Vorsatz Angst machten. Wo kamen sie her? Er sah hinter sich, dann die Böschung hoch. Er wusste, dass er Verbotenes tat – nein, es sollte ja nicht mehr verboten sein, jetzt nicht mehr. Noch schien es ihm unmöglich. Noch hatte sich die Gegend nicht geschüttelt wie ein Hund, der eine Mücke verscheucht, sondern lag erstarrt, abwartend.
Hinter jungem Brombeergestrüpp sah er die Silhouette. Klotzig, wie aus einem Kinderbaukasten verloren. Ein Turm, eine Schachfigur, nur war das Spiel zu Ende und die anderen Teilnehmer fort.
Doch dass es kein Spiel gewesen war, hatte er viel früher begriffen als den Rest. Da war er erst kürzlich in die Schule gekommen und saß über seinen ersten Hausaufgaben. Er hörte die Schüsse und sah aus dem Fenster, wie sich ein Mann gerade noch über die Mauer zog, die seine Heimatstadt teilte. Die Passanten hatten ihn aufgefangen, aber er blieb liegen, blutend, und später stand an jener Stelle ein Kreuz. Es trug seinen Namen, denn den hatte er noch erzählen können. Die Männer im Wachturm aber, von welchen Noah zuvor nie genau gewusst hatte, was ihre Aufgabe war, starrten weiterhin jeden Tag mit ihren Ferngläsern den breiten Sandstreifen entlang, wo man die Erde rasiert hatte, damit auf ihrer nackten Oberfläche niemand übersehen wurde. Gelegentlich sah man, wie die gebeugten Umrisse sich die Nase schnäuzten. Sonst schienen sie sich kaum zu bewegen. Sie mussten sich furchtbar langweilen, dachte Noah oft, wenn er mit seinen Freunden spielen ging. Im Schatten der Mauer, diesseits, waren die Jungen vor den Blicken der Wachsoldaten geschützt und spürten sie dennoch. Sie spielten Käsekästchen und Schiffe versenken, indem sie die Felder mit Schulkreide direkt auf die Mauer zeichneten. Es war eine unausgesprochene Mutprobe. Die andere Seite der Mauer wurde nie von einem Kind berührt. Nur ein paar Kaninchen konnte man durch die wenigen Risse in der Mauer erspähen, die übe den Sand jagten, während in der Ferne die Wachhunde anschlugen.
Einmal malte Timo mit der Kreide eine Leiter an die Mauer, aber sein Arm reichte bei weitem nicht bis oben. Sie stritten darüber, ob sie ihn hochheben sollten, ließen es aber schließlich doch. Alle hatten unausgesprochen das Bild in sich, dass eine Kugel Timos albern hochgegelten Pony streifen könnte, obwohl sie wussten, dass über die Mauer nicht geschossen werden durfte. Das war auch nie vorgekommen.
Nun, über ein Jahrzehnt später, galt die Angst nicht mehr, auch wenn sie noch da war. Noah steuerte das Kanu auf das Ufer zu. Leitern brauchte jetzt niemand mehr. Er machte das Seil an einem Ast fest und stieg die Böschung hoch. Wenige Meter später begann der ehemalige Todesstreifen.
Erste Grasbüschel, Brennsessel und Spitzwegerich machten sich auf dem Sand breit, der eine Narbe durch die Landschaft war. Spitzwegerich half gut gegen Mückenstiche, schoss Noah durch den Kopf. Wenn man ein Blatt zerrieb und den Saft auf den Stich rieb, hörte der auf zu jucken. Früher Schüsse, jetzt ein Heilkraut, das war ein Anfang. Noah bückte sich und pflückte eine große gelbe Löwenzahnblüte, dann noch zwei, und ein paar reife Pusteblumen. Vorsichtig ging er auf den alten Wachturm zu. Von nahem wirkte er größer, und doch seltsam harmlos. Der Putz bröckelte, die metallene Eingangstür hing an einem halben Scharnier. Die massive Betontreppe aber, die schnörkellos in die Wachstube hinaufführte, ließ sich vom Wandel der Zeiten nicht erschüttern, noch nicht. Noah stieg hinauf. Oben waren alle Scheiben eingeschlagen; die Scherben glitzerten als schräges Mosaik auf dem Fußboden und die Maibrise, die nach Flieder duftete, blies ungebremst durch den nackten Raum. In einer Ecke lagen ein umgestürzter Hocker und der Bügel einer Brille. Am Ende eines abgerissenen Kabels baumelte eine staubige Wollsocke.
Es musste hier mächtig gezogen haben, im Winter. Ob die Männer bequemere Stühle gehabt hatten als den Hocker? Wie hatten sie sich in den langen dunklen Herbstnächten die Zeit vertrieben? Wenn er, Noah, auf der anderen Seite der Mauer geboren worden wäre, hätte er vielleicht hier oben Stücke seiner Lebenszeit verbringen müssen, Tag um Tag, Dienst um Dienst, lange, kalte Nächte hindurch. Er krümmte die Hände als wären sie ein Fernglas und hob sie an die Augen. Alle Richtungen sahen gleich aus. Da drüben standen die Reste der Mauer, teils umgestürzt. Die Betonteile verkrümelten sich mit jedem Regen schneller zwischen die himmelwärts strebenden Weidenröschen und Goldruten, denen es gleichgültig war, was sie da überwucherten. Ihre Wurzeln fanden Halt daran. Ja, Schiffe versenken hatte der junge Noah dort gespielt, und seine Hand hatte ein wenig gezittert dabei. Er hatte auf Hunde und Gewehre gelauscht und dieselben Blicke den Rücken hinauf und hinab kribbeln gespürt wie vorhin im Kanu, als er eine tödliche Grenze überquerte, die es nicht mehr gab. Nun waren nicht nur die letzten Schiffe, sondern auch die Mauer versenkt.
Er richtete den Hocker auf und legte behutsam die Löwenzahnblüten darauf. Ob hier oben jemals Blumen gewesen waren? Die Pusteblumen hielt er aus dem Fenster und blies. Die winzigen Fallschirme trieben in stillen Wirbeln davon, ohne sich um die Richtung zu scheren. Sie waren auch früher über Mauern geflogen.
Als er wieder in das Kanu stieg und sich in der immer noch frischen Morgenluft auf den Weg nach Osten machte, stach ihn das Echo der Blicke immer noch im Nacken, und er wusste, dass würde sich in seinem Leben nicht mehr ändern. Doch er hatte den kahlen Streifen Erde grünen gesehen, und die friedliche Stille gehört, die nur von Nachtigallen erschüttert wurde. Früher hatte er angenommen, Nachtigallen sängen nur bei Nacht, bis das Nachbarsmädchen und die Nachtigallen selbst ihn eines Besseren belehrten. Dieser und anderen Tatsachen blieb ein ewiges Staunen anhaften.
Ein Eichhörnchen erkletterte an den breiten Rissen im Mauerwerk den Turm von außen, tobte durch die leere Wachstube und verhielt einen Moment um an dem welkenden Löwenzahn zu schnuppern.
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Und hier gibt es ein Buch, in dem mehr als zwei Dutzend Autoren aus Ost und West Erinnerungen an Vergangenes festhalten und zeigen, dass in den letzten Jahren vieles zusammengewachsen ist, was zusammengehört:
Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
ISBN 978-3-939937-08-1
Geschichten zur Erinnerung an die Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Grenze, die das Land von 1961 bis 1989 in zwei feindliche Lager teilten und bis heute tiefe Wunden hinterlassen haben. Mehr als zwei Dutzend Autoren aus Ost und West haben ihre Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen in Geschichten geformt. Autoren, die sich noch an den Bau der Mauer im Jahre 1961 erinnern können; und Autoren, die noch Kind waren, als im Jahre 1989 die Mauer fiel. Autoren, die in der DDR aufgewachsen sind; und Autoren, die gelernt haben, “DDR” stets nur in Anführungszeichen zu schreiben. Autoren, die die Wirren der Friedlichen Revolution und die dramatischen Veränderungen im Gefolge der Wiedervereinigung hautnah miterlebt haben; und Autoren, die die historischen Umwälzungen nur als ferne Beobachter verfolgten.
Neben Erinnerungsgeschichten finden sich in diesem Buch auch zahlreiche Mauerfotos aus diesem Fotoblog.
Das Buch Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten bei Amazon
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